Über das Alter
Ich werde langsam alt. Wie ich das gemerkt habe? Nun, es sind nicht die zunehmenden Falten, die mein Gesicht so interessant erscheinen lassen und auch nicht das graue Nasenhaar, das ich kürzlich entdecken musste. Es ist auch nicht der morgentliche Schmerz in den müden Knochen, der mich so sehr daran hindert das wärmende Bett zu verlassen.
Was mir mein zunehmendes Alter so schmerzlich bewusst gemacht hat ist die Tatsache, dass ich mich nicht mehr so einfach faulenzend auf die Couch legen kann. Ich bekomme sofort das Gefühl, dass ich noch so viel erledigen muss. Das war in meiner Schüler- und Studentenzeit ganz anders. Da konnte ich den halben Tag im Bett verbringen ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Wenn ich jetzt meinen von der Arbeit geschundenen Körper auf das heimische Sofa bette, um mich der kurzweiligen und sinnentleerten Unterhaltung des Fernsehers hin zu geben, oder auch einfach nur die Augen schließe, um mich, wenn auch nur für kurze Zeit, in das Land der Träume zu begeben, so kommen mir sofort die vielen unerledigten Dinge auf meiner ToDo-Liste in den Sinn. Muss die Küche mal wieder aufgeräumt werden, oder ist die Steuererklärung noch nicht finalisiert? Muss der Müll noch raus gebracht werden, oder das Material für den Kellerausbau bestellt werden? Sind noch Rechnungen für Hausfrau&Mutter zu schreiben, oder ist es wieder Zeit den Rasen zu mähen? Früher hätten mich diese Gedanken nicht davon abgehalten mich der Muße hinzugeben. Jetzt gerade piept die Spülmaschine und erinnert mich daran, dass sie jetzt ausgeräumt werden will.
Meine Theorie ist, dass diese innere Unruhe mit dem zunehmenden Alter zu tun hat. Eine Art von präseniler Arbeitswut. Ein sich gewahr werden, dass die Zeit langsam abläuft und es noch so viel zu tun gibt. Jetzt verstehe ich so langsam, warum Rentner nie Zeit haben. Sie haben halt so viel zu tun
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Worship To Go
Das Leben wird immer schneller. Das ist an sich keine neue Information, mir ist es nur von Dieter Nuhr bei seinem Jahresrückblick 2009 ganz neu vor Augen geführt geworden. In früheren Jahren schien man einfach mehr Zeit zu haben. Heute muss alles schnell-schnell gehen, noch nicht einmal mehr schnell. Ein besonders drastisches Beispiel für die sich immer mehr beschleunigende Welt ist die Kaffeekultur. Während man in den Anfängen noch gemütlich im Kaffeehaus saß und sich genüsslich seinem Wiener Melange widmete, noch die Zeit hatte seine Jacke an die Garderobe zu hängen, ein stück Torte zu verzehren und in Ruhe den Kulturteil der FAZ durchforsten konnte, so kamen doch recht zügig die unsäglichen Stehkaffees auf, in die man sich nur noch begab, um in aller Eile eine Tasse schwarzen Filterkaffe – eher eine dürre Plörre, denn ein vollmundiger, wohl duftender Kaffee – in sich hinein zu kippen und nebenbei ein Teilchen hinunter zu würgen, wobei man sich der Jacke dabei nicht entledigte und selbst die Bildzeitung keines Blickes würdigte (ok, die Dame auf der erste Seite vielleicht noch).
Wer jetzt dachte, das Ende der Abwärtsspirale des guten Geschmacks wäre damit erreicht, der wurde dann doch bald eines besseren belehrt. Aus dem fernen Amerika schwappte eine neue Welle zweifelhafter Innovationen auf den alten Kontinent: “Coffee To Go”. Dabei wurde selbst der schlecht gereinigte Stehtisch weg rationalisiert und die Tasse gegen einen Pappbecher mit Schnabelansatz ersetzt. Diese trug man also von da an mit sich herum, als deutlich sichtbares Zeichen jetzt auch Teil der modernen Kommunikationselite zu sein (Die Tatsache, dass meine Kinder sich inzwischen standhaft weigern aus einer Schnabeltasse zu trinken scheint dann doch kein Zeichen einer natürlichen Entwicklung zu sein – Ich muss mir wohl doch Sorgen machen).
Was hat das alles jetzt mit Lobpreis zu tun?
Nun, im Lobpreis haben wir eine ähnliche Entwicklung mitgemacht. Während wir in den Anfangszeiten meiner bewussten Lobpreiswahrnehmung noch gesittet in Reihen saßen und die schönen Lieder aus Liederbüchern, in aller Demut und Andacht, aber doch gemeinsam unserem Herrn darbrachten, so musste ich bei meinem Wechsel in eine charismatische Gemeinde feststellen, dass dort – es ist eine junge Gemeinde – die Lieder vornehmlich stehend gesungen wurden und dazu noch nicht einmal mehr aus gebundenen Liederbüchern sondern von einem durch Overheadprojektoren an eine Wand projezierten Text, ohne Noten (inzwischen gibt es sogar Gemeinden die einen Beamer nutzen). Meine neue Gemeinde hatte also schon das Entwicklungsstadium des Steh-Lobpreises erreicht. Da hörte aber die Entwicklung nicht auf. Inzwischen kann man Lobpreis – und hier muss der geneigte Leser jetzt kurz inne halten, die Augen schließen und sich kurz auf das Entsetzliche einstellen – in konservierter Form auf tragbaren Abspielmedien erhalten und so auf dem Weg, quasi “To Go”, Lobpreismusik hören. Keine stille Andacht, kein Widerhall der Orgelklänge von den Wänden eines sakralen Kirchengebäudes. Nein, Lobpreis in der Isolation der Kopfhörer, im Shuffle-Mode sogar mit Zufallswiedergabe, damit es auch ja nicht langweilig wird. Was wird uns die Moderne in Zukunft noch bringen? Wohin soll das alles noch führen? Lobpreis in Twitter-Länge mit maximal 140 Zeichen? Lobpreis 2.0 mit Kommentarfunktion als Mashup? Kann ich bald Gott als Freund bei Facebook hinzufügen und meinen Lobpreis an seine Pinnwand posten?
Ich befürchte das Schlimmste.
Das Leben ist (könnte) schön(er sein)?!
Es ist Samstag, draußen bedeckt Schnee die Landschaft, die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel, in meinem Haus ist es warm und ich höre mir auf Youtube Lobpreislieder an und versuche sie auf der Gitarre nach zu spielen, Futter für Ohr und Seele. Das Leben ist schön.
Doch da kommt meine älteste Tochter, schnappt sich das Gesangsmikro und fängt an in meinen Lobpreis hinein zu reden und zu singen. Laut, lauter, viel zu laut, mit einem Tick zu viel Hall und natürlich nicht harmonisch auf meinen Gesang abgestimmt, der, weil unverstärkt, nicht gegen den meiner Tochter ankommt. Das Leben könnte schöner sein.
Und trotzdem. Diese wenigen Minuten waren für mich sehr schön. Selten war ich mit so vielen Personen die ich liebe auf so engem Raum zusammen.
Der Weihnachtsbaum
Anbei eine kleine Weihnachtsimpression aus dem Hause des Lobpreisleiters.

